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Immobilienbewertung: Methoden im Vergleich
Grundlagen

Immobilienbewertung: Methoden im Vergleich

22. November 2025·11 min Lesezeit

Warum Immobilienbewertung wichtig ist

Bevor Sie ein Kaufangebot machen, sollten Sie wissen: Was ist die Immobilie wirklich wert? Nur so können Sie beurteilen, ob der geforderte Kaufpreis angemessen ist — oder ob Sie zu viel bezahlen würden.

Die Immobilienbewertung nach deutschen Normen (ImmoWertV) kennt drei anerkannte Verfahren, die je nach Immobilientyp eingesetzt werden.

Verfahren 1: Das Vergleichswertverfahren

Wie funktioniert es?

Das Vergleichswertverfahren ermittelt den Wert einer Immobilie anhand von Verkaufspreisen vergleichbarer Objekte. Es ist das direkteste und in der Regel aussagekräftigste Verfahren.

Voraussetzung: Es muss ausreichend viele vergleichbare Objekte in der Nähe geben, deren Verkaufspreise bekannt sind. Die Daten kommen aus dem Kaufpreissammlungen der Gutachterausschüsse.

Wann wird es angewendet?

  • Eigentumswohnungen in städtischen Gebieten
  • Reihenhäuser und Doppelhaushälften in homogenen Wohngebieten
  • Einfamilienhäuser in Gebieten mit vielen Vergleichsobjekten

Beispielrechnung

In einem bestimmten Stadtgebiet wurden in den letzten 12 Monaten 20 Eigentumswohnungen verkauft, die Ihrer ähnlich sind. Der Durchschnittspreis liegt bei 3.800 Euro/m². Ihre Wohnung hat 75 m². Vergleichswert: 75 × 3.800 = 285.000 Euro.

Korrekturfaktoren berücksichtigen: Lage im Haus (EG vs. OG), Balkon, Modernisierungsstand, Ausrichtung.

Verfahren 2: Das Ertragswertverfahren

Wie funktioniert es?

Das Ertragswertverfahren berechnet den Wert einer Immobilie aus ihrer Fähigkeit, Erträge zu erwirtschaften — also aus den erzielbaren Mieteinnahmen.

Formel (vereinfacht): Ertragswert = Jahresreinertrag / Liegenschaftszinssatz

Dabei ist:

  • Jahresreinertrag = Jahresmiete minus Bewirtschaftungskosten (Instandhaltung, Verwaltung, Mietausfall-Risiko)
  • Liegenschaftszinssatz = marktüblicher Zinssatz für die Kapitalisierung von Immobilienerträgen (bestimmt von Gutachterausschüssen, ca. 2–5%)

Beispielrechnung

  • Jahresmiete: 24.000 Euro (2.000 Euro/Monat)
  • Bewirtschaftungskosten (30%): 7.200 Euro
  • Jahresreinertrag: 16.800 Euro
  • Liegenschaftszinssatz: 3%
  • Ertragswert: 16.800 / 0,03 = 560.000 Euro

Wann wird es angewendet?

  • Mehrfamilienhäuser
  • Gewerblich genutzte Immobilien
  • Renditeobjekte allgemein

Limitation

Das Ertragswertverfahren spiegelt wider, was ein Investor für die Mieteinnahmen zu zahlen bereit ist. Für selbstgenutzte Immobilien ist es weniger relevant.

Verfahren 3: Das Sachwertverfahren

Wie funktioniert es?

Das Sachwertverfahren ermittelt den Wert einer Immobilie auf Basis der Herstellungskosten:

  • Was würde es kosten, das Gebäude heute neu zu bauen?
  • Abzüglich Alterswertminderung (die Immobilie ist nicht mehr neu)
  • Plus Bodenwert (das Grundstück bleibt wertbeständig)

Formel (vereinfacht)

Sachwert = Bodenwert + Gebäudesachwert

Gebäudesachwert = Herstellungskosten − Alterswertminderung

Beispielrechnung

  • Bodenwert (200 m² Grundstück × 400 Euro/m²): 80.000 Euro
  • Herstellungskosten Gebäude (150 m² × 1.500 Euro/m²): 225.000 Euro
  • Alterswertminderung (30 Jahre alt, 1,5% pro Jahr): 30 × 1,5% × 225.000 = 101.250 Euro
  • Gebäudesachwert: 225.000 − 101.250 = 123.750 Euro
  • Sachwert gesamt: 80.000 + 123.750 = 203.750 Euro

Wann wird es angewendet?

  • Einfamilienhäuser in ländlichen Gebieten (wo Vergleichsobjekte fehlen)
  • Besondere Immobilien ohne Vergleichsobjekte
  • Als Ergänzung zum Ertragswertverfahren

Welches Verfahren ist das richtige?

Immobilientyp Empfohlenes Verfahren
Eigentumswohnung (städtisch) Vergleichswertverfahren
Einfamilienhaus (städtisch) Vergleichswertverfahren
Einfamilienhaus (ländlich) Sachwertverfahren
Mehrfamilienhaus Ertragswertverfahren
Gewerbeimmobilie Ertragswertverfahren

In der Praxis kombinieren Gutachter oft mehrere Verfahren.

Selbst bewerten oder Gutachter beauftragen?

Online-Tools

Viele Portale (Immoscout24, Sprengnetter, Europace) bieten kostenlose oder günstige Wertschätzungen an. Diese basieren auf Algorithmen und können einen ersten Eindruck geben — sind aber nicht für verbindliche Entscheidungen geeignet.

Kurzgutachten

Ein Kurzgutachten von einem zugelassenen Sachverständigen kostet 500–1.000 Euro und gibt eine solide Einschätzung.

Vollgutachten

Ein Vollgutachten nach ImmoWertV kostet 1.000–3.000 Euro und ist für gerichtliche Auseinandersetzungen oder Finanzierungszwecke geeignet.

Fazit: Marktkenntnis ist entscheidend

Die Bewertungsmethoden geben einen theoretischen Wert. Entscheidend ist letztlich der Markt — was jemand bereit ist zu zahlen. Mit Kenntnissen der Bewertungsmethoden können Sie einen angemessenen Kaufpreis besser einschätzen und gezielter verhandeln.

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